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Kommentar: Die autofreie Luisenstraße und die Bürgerbudget-Wunschliste
Wer traut sich – und wann?

Rundschau-Redakteur Stefan Seitz. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Bürgerbudget – erinnern Sie sich noch? Vor ein paar Monaten war das Thema in aller Munde, und ist kurz danach ziemlich in der Versenkung verschwunden.

Wobei ein Thema aus der Bürgerwunschliste sogar ein noch grundlegenderes Schicksal erlitten hat: Platz 3 – die autofreie Luisenstraße – ist nämlich ganz gestrichen worden. Weil die Politik sich dessen erst einmal grundsätzlich annehmen will, weil in der Sache richtiger Sprengstoff steckt – und weil, kurz gesagt, das Thema gar nicht erst auf die Abstimmungswunschliste hätte kommen dürfen. So heißt es jedenfalls heute.

Auf jener Liste war die Sache aber – trotz medienmäßig angekündigter intensiver Prüfung aller Bürgerwünsche durch die Verwaltung. Dass so etwas passiert (ist), birgt Frustpotenzial. Das darf gerade beim sensiblen Thema Bürgerbeteiligung überhaupt nicht passieren. Auch wenn das Bürgerbudget eine Premiere gewesen ist.

Zur Sache: Wuppertal will mobilitätsmäßig viiiiiiiiiiiel moderner werden, will 2025 "Fahrradstadt" sein, will alles Mögliche auf die Beine stellen, um schon heute die (Innen-)Stadt der Zukunft Realität werden zu lassen. Eine autofreie Luisenstraße wäre ein optimaler Schritt in diese Richtung.

Aber ob ich das mit meinen heute 55 Jahren noch erlebe? Werden sich die Großkoalitionäre SPD und CDU jemals trauen, mit dem Beschluss, Autos aus dem Kernbereich der Luisenstraße zu verbannen, Pflöcke einzuschlagen? Das wäre ja – ach du Schreck – ein grünes Thema! Werden die Gastronomen genau in diesem Kernbereich begreifen, welch riesige Chance solch ein Schritt bedeutet? Werden die Anwohner diesen Weg mitgehen?

Ich bin ab 1965 in der Poststraße aufgewachsen. Die war schon damals eine Fußgängerzone. Meine Mutter lebt noch heute dort. Ja – es ist lästig, dass man nicht einfach rein- oder hinfahren kann, wenn's etwas oder jemanden abzuholen gilt. Aber eine Innenstadt-Achse zwischen Neumarkt und Döppersberg mit Autos? Nein!

Die Luisenstraße hat darüber hinaus noch jede Menge architektonische, gastronomische und lifestyle-mäßige Atmosphäre. Das kann man von der Poststraße weiß Gott nicht behaupten. Die Luisenstraße wäre ideal für "Autos müssen draußen bleiben". Wobei das ja auch nicht immer gilt, denn Lieferverkehr & Co. sind in solchen Autofrei-Straßen selbstverständlich zu bestimmten Zeiten möglich.

Wuppertal pumpt sich stets gern auf, wenn's darum geht, beispielsweise mit Ideen aus der Werkstatt des Wuppertal Institutes (von dort kommt der Denkansatz einer autofreien Innenstadt) bundesweites, positives Medieninteresse auf sich zu lenken. Wenn es dann aber zum Schwur kommen soll, gehen die Hände eher nicht zum Himmel, sondern bleiben schön brav in der Hosentasche.
"Mehr Wuppertal wagen" hat es vor drei Jahren mal allüberall geheißen. Klar doch! Aber wer traut sich?

 
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