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Nach Toresschluss
Bahnbrechender Bahnhof

Nach Toresschluss: Bahnbrechender Bahnhof
Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Neulich im Tunnel zwischen den Gleisen am Wuppertaler Hauptbahnhof: Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, weil der Aufzug zu Gleis 2 und 3 plötzlich in Betrieb ist. Und dann sagt ein älterer Herr mit einem Ausdrucks tiefster Verblüffung in der Stimme: "Och, die Türen gehen sogar auf!"

Diese kleine Begebenheit zeigt, dass die Wuppertaler ein leichtes Misstrauen gegen die Deutsche Bahn entwickelt zu haben scheinen. Die hat uns ja immerhin voriges Jahr nicht nur wochenlang komplett von der Außenwelt abgeschnitten, sondern jetzt auch mit der Bahnhofssanierung schön beim Bock getan.

Von unserem Geld haben wir den Schienenverkehrsverwaltern eine richtig schicke Bahnhofshalle gebaut, die sie jetzt eigentlich in Betrieb nehmen könnten. Nach nur acht Jahren Bauzeit kam die Fertigstellung für die Bahn aber offensichtlich zu plötzlich. Deshalb gibt es die Fahrkarten weiterhin in einem Container am toten Ende von Gleis 1 und die Schließfächer in der hübschen Mall sind mit einem Bauzaun abgeriegelt. Es gebricht diesen Schließfächern noch an Schlössern, die nicht vorhanden sind, was ihren Betrieb bis auf weiteres wenig sinnvoll erscheinen lässt. Dazu muss man wissen, dass es sich um die gebrauchten Schließfächer aus dem alten Bahnhof handelt, die im Zuge des auf großflächigen Plakaten im ganzen Areal angekündigten Programms zur Bahnhofsverschönerung umgeräumt und einmal mit dunkler Farbe überstrichen wurden. Ich nehme an, dass ihr Münzeinwurf jetzt noch von D-Mark auf Euro umgerüstet werden muss...

Ähnliche Renovierungs-Großleistungen werden derzeit an Gleis 1 vollbracht, wo der Bahnsteig ein neues Pflaster bekommt. Die damit betraute Baukolonne hat die kleinteiligen Betonsteine so filigran verlegt, dass man der Bahn vor der Vergabe weiterer Bauaufträge dringend einen Blick in den von der Rundschau herausgegebenen Handwerker-Ratgeber nahelegen möchte. Das Pflaster hat nämlich solche Dellen, dass man vermuten könnte, Godzilla wäre gerade in den ICE nach Köln eingestiegen und hätte ein paar Fußabdrücke hinterlassen. Vielleicht ist Godzilla aber auch ins Straucheln gekommen, weil die zahlreich in das Pflaster eingelassenen neuen Deckel irgendwelcher Schächte alle Chancen haben, den Preis für die höchsten Stolperkanten in Einrichtungen des öffentlichen Personenverkehrs zu gewinnen.

Auf diese Meisterfehlleistung deutscher Tiefbaukunst hat mich übrigens unser Leser Klaus Döring hingewiesen. Frank Wickendick hatte derweil im Bahnhofstunnel der Schlag getroffen, als er sah, wie Wände und Decke der runzeligen Röhre im Zuge der Aktion schöner Bahnhof einfach weiß überpinselt wurden und man dabei die uralten Neonleuchten sorgfältig abgeklebt hat. Sein Befürchtung: Die werden doch wohl die Funzeln, die Heinz Erhardt wahrscheinlich 1960 noch persönlich angeschraubt hat, da nicht hängen lassen? Und am Ende auch noch die nackten Wände aus der Steinzeit des Reichseisenbahnverkehrs nicht weiter bearbeiten?

Ich habe mal bei der Bahn nachgefragt. Ergebnis: Wuppertal kann aufatmen – vier neue Vitrinen werden laut einer Bahnsprecherin "den Personentunnel deutlich aufgeräumter erscheinen lassen". Das sind großartige Neuigkeiten. Gleich vier Vitrinen!

 Und es kommt noch besser. Die Bahn schreibt uns auch noch diesen epochalen Satz: "In diesem Zusammenhang wird ebenfalls eine neue Beleuchtung in der Personenunterführung geplant. Da die Planung von Beleuchtungsanlagen in Personenunterführungen der Genehmigung durch die Genehmigungsbehörde bedarf, wird die Umsetzung erst in 2019 erfolgen."

Irgendwann in ferner Zukunft werden sich also wieder wildfremde Menschen im Tunnel in den Armen liegen, mit den Fingern nach oben zeigen und tränenerstickte Freudenschreie ausstoßen: "Eine Lampe, eine Lampe! Und sie ist genehmigt!"

Immerhin weiß ich jetzt endlich, wo das Wort "bahnbrechend" herkommt. Denn wenn ich solche Sätze lese, kommt mir irgendwie das Essen hoch...

Bis die Tage!

Die Rundschau-Radrunde