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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire
Beim Rudelsingen

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Beim Rudelsingen
Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Kennen Sie eigentlich das Rudelsingen? Es handelt sich dabei um das, womit sich die deutsche Nationalmannschaft bei der Nationalhymne immer wieder ein bisschen schwer tut: Menschen singen Schulter an Schulter zu eingespielter Musik. Einziger Unterschied: Sie sind nicht zu elft, sondern ein paar Hundert und die Texte werden an eine Leinwand geworfen, falls man sie ähnlich wie manche Nationalspieler nicht auswendig weiß.

Das Ganze ist ein echter Erfolg, was man daran erkennen kann, dass dieser Veranstaltungs-Dauerbrenner gerade zum 50. Mal stattgefunden hat. Ich war zwar noch nie dabei, ließ mich aber jetzt zum Besuch des Rudelsingen-Jubiläums in der "börse" überreden. Als Debütant genoss ich den zum Jubiläum ausgeschenkten Sekt mit leicht schlechtem Gewissen, während ich mich verstohlen in der Menge umblickte.

Das Auge wanderte über ein erwartungsfrohes Publikum, das vorwiegend weiblich und nicht mehr ganz jung war, aber sehr beseelt wirkte. Wenn Sie sich eine Mischung aus Kirchentag und (wegen der tropischen Temperaturen im Saal) Lehrerausflug ins Zoo-Terrarium vorstellen, kommen Sie der Sache ziemlich nahe.

Vielleicht war dieser Eindruck aber auch nur meiner Nervosität geschuldet, weil es sich bei den zwei Sachen, die ich mit Abstand am schlechtesten kann, um das Singen von Liedern und Lieder singen handelt. Allerdings hatten meine weiblichen Begleiterinnen durchblicken lassen, dass hier vorwiegend Rocksongs zur gemeinsamen Darbietung gebracht würden, so dass ich auf ein diskretes Verschwinden in der grölenden Menge bei konstantem Genuss von Pilsbier hoffen durfte.

Das mit dem Pilsbier klappte ganz gut, die Rocksongs hießen aber unter anderem "Schön ist es auf der Welt zu sein" von Roy Black und Anita und "Oh wie so trügerisch sind Weberherzen" aus der Oper Rigoletto. Wenn man mit Led Zeppelin und Pink Floyd groß geworden ist, geht einem das nicht ganz leicht von den Lippen. Ähnlich verhielt es sich mit "Chiquitita", ABBAs großer Hymne an eine Bananenplantage.

Ein Rudel ist übrigens verhaltensbiologisch betrachtet eine geschlossene und individualisierte Gruppe von Säugetieren. Es unterscheidet sich von der Herde dadurch, dass sich die Teilnehmer untereinander erkennen und es eine gewisse Arbeitsteilung gibt. Im vorliegenden Fall bestand die darin, dass die anderen schön sangen und ich dank Pilsbier mit zunehmender Veranstaltungsdauer eher laut. Denn irgendwie hat mich das Geschehen dann doch mitgerissen.

Vielleicht lag es am "Lehnchen vom Tippen-Tappen-Tönchen", das der überaus engagierte Rudelvorsinger auf der Bühne als Hommage an den Gastspielort anbot. Vielleicht aber auch am eingeblendeten Spaß-Video eines österreichischen Rezitators, der die deutsche Übersetzung des Disco-Klassikers "Yes Sir, I can boogie" von Baccara als bedeutungsschwangere Lyrik-Lesung vortrug. Die ersten Zeilen: "Ah Ah - Ah Ah Ah - Ah Ah Ah - Ah - Ah - Ah - Ah Ah Ah - Ah Ah Ah - Ah - Ah".

Eine eher überschaubare dichterische Leistung der Autoren, die aber reichte, um den Song auf Platz acht der meistverkauften Singles aller Zeiten zu heben. Musik sollte man eben nicht immer auf die Goldwaage legen, sondern sie einfach mitsingen. Ich glaube, ich gehe nochmal hin ...

Bis die Tage!

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