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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire
Gehirnmitführungspflicht

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Gehirnmitführungspflicht
Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Es gibt Menschen, die halten Deutschland für überreguliert. Wie kann man bloß auf so eine Idee kommen? Möglicherweise wenn man sich Fälle wie den der Lärmschutzgalerie Hansastraße anguckt. Dabei handelt es sich um dieses kurze Stückchen A46 zwischen den Abfahrten Katernberg und Elberfeld, das in Richtung Düsseldorf überdacht ist.

Dieses Bauwerk, von dem manche Anwohner sagen, dass es eher den Lärm als die Menschen schützt, hat mehr als sieben Millionen Euro gekostet und wurde 2004 fertiggestellt - ungefähr gleichzeitig mit der EU-Richtlinie über Mindestanforderungen an die Sicherheit von Tunneln im transeuropäischen Straßennetz, deren Vorgaben es nicht erfüllt.

Ich kann durch die Lärmschutzgalerie zwar locker durchfahren, ohne die Sonnenbrille abzunehmen, weil links keine Wand ist, sondern nur ein paar Stützen stehen. Von Brüssel aus gesehen ist das Ding aber trotzdem gemäß Sicherheitsrichtlinie das Gleiche wie der Gotthard-Tunnel und müsste daher auch genauso ausgestattet sein.

Das führt jetzt dazu, dass wir die Lärmschutzgalerie nach 14 Jahren in die Tonne kloppen und irgendwas neues bauen dürfen, das "Straßen.NRW" den Wuppertalern am Dienstag (25. September 2018) um 18 Uhr bei einer Infoveranstaltung in der Stadthalle vorstellen möchte.

Mit gesundem Menschenverstand würde man folgende Rechnung aufmachen: Bei den daraus resultierenden jahrelangen Arbeiten wird es im, wie immer zu engen Baustellenbereich, wöchentlich grob geschätzt zwei Unfälle und zigfach mehr Personenschäden geben, als sie die harmlose Lärmschutzgalerie jemals aus eigener Kraft hätte erzeugen könnte. Ganz abgesehen von den tausenden Wuppertalern, die im Stau davor einen Nervenzusammenbruch erleiden werden. Mit ungesundem EU-Verstand betrachtet ist das aber völlig egal, weil in den nicht vorhandenen Wänden des bestehenden Bauwerks nun mal keine Fluchttüren sind. Deshalb muss es weg.

Mittelfristig kann man daher davon ausgehen, dass die EU-Sicherheitsrichtlinien auch den privaten Bereich immer weiter durchdringen werden. Der sehr beliebte, immerhin 1,45 Meter lange IKEA-Kriechtunnel "BUSA" für kleine Kinder darf dem Vernehmen nach in Kürze nur noch mit sechs Notausgängen, zwei Notrufsäulen und einer Ampelanlage ausgeliefert werden, die Begegnungsverkehr verhindert.

Für Hochzeitsspaliere ist künftig zwingend vor Eintritt des Brautpaares ein statisches Gutachten einzuholen. Und Maulwürfe müssen in ihren unterirdischen Gängen entweder LED-Lichtbänder verlegen oder einen geeigneten Nachweis über ihre Sehbehinderungen erbringen. In diesem Fall ist ersatzweise eine Ausschilderung der Notausgänge in Blindenschrift vorzunehmen ...

Regulieren kann aber nicht nur die EU. Wuppertal hat das auch ganz gut drauf. Und damit meine ich nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch die Bürger selbst. Wenn Sie das nicht glauben, empfehle ich Ihnen einen Bürgerantrag, der diese Woche dem Hauptausschuss zur Beratung vorlag und dem Wegwerfen von Zigarettenkippen vorbeugen soll. Dazu fordert ein Wuppertaler die Einführung einer "Taschenaschenbechermitführungspflicht sowie Taschenaschenbecherbenutzungspflicht".

Es zeugt von feiner Ironie, dass alleine schon die Aussprache des Wortes "Taschenaschenbechermitführungspflicht" ein ähnliches pelziges Mundgefühl auslöst wie der Genuss einer Packung Camel ohne Filter. Trotzdem muss man davon ausgehen, dass der Antrag nicht scherzhaft gemeint ist.

Ich würde aber sogar noch weiter gehen wollen und fordere ganz allgemein eine Gehirnmitführungs- und -anwendungspflicht. Gültig in Wuppertal. Und erst Recht in Brüssel ...

Bis die Tage!

Die Rundschau-Radrunde