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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire
Stützbestrumpfung im Hause

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Stützbestrumpfung im Hause
Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. "Wenn dat mitte Ehrungen losgeht, isset bald vorbei", hat mir der in dieser Hinsicht erfahrene Paul Decker vorige Woche erklärt, als mir im Barmer Rathaus der Sprachpreis "Die Eule 2018" verliehen wurde.

So ganz kann das aber nicht hinhauen, weil er selbst mit den "Striekspöen" vor vier Jahren ebenfalls diesen Preis des Vereins Deutsche Sprache verliehen bekam und die Jungs jetzt bei meiner Ehrung immer noch verdammt gute Musik gemacht haben. Die kann ich Ihnen hier zwar nicht vorspielen, aber ich wurde gebeten, meine kleine Dankesrede noch einmal abzudrucken. Das tue ich gerne, wenn auch leicht gekürzt, weil Sie ja dieses Wochenende möglicherweise auch noch was anderes zu tun haben. Und eigentlich ...

... wusste ich bis vorhin auch noch gar nicht, was ich zu dieser tollen Auszeichnung sagen soll. Das ist eigentlich zu viel der Ehre. Dann kam ich am Alten Markt an einer Bäckerei vorbei. Da klebt im Schaufenster: "Wir backen. Du König." Dazu muss man wissen: Das ist kein Verschreiber, sondern ein bewusst gewählter Werbespruch einer bundesweit operierenden Kette.

"Wir backen. Du König." Was wollen uns diese vier Worte sagen? Auf jeden Fall eines: Es ist bestimmt keine schlechte Idee, auf unsere deutsche Sprache weiter gut aufzupassen. In dem Zusammenhang fällt mir etwas ein, das ich neulich in Elberfeld erlebt habe. Da gibt es auf dem Wall so ein Ärztehaus, wo ich im Vorbeigehen mithörte, wie sich zwei junge Frauen trafen. Die eine sagte: "Was machst du denn hier?" Die andere: "Isch geh Ohrarzt."

Ohrarzt – das ist im Prinzip gar nicht mal so ganz falsch. Denn meistens tut ja nur ein Ohr weh, wenn man zum Arzt muss. Aber wir sehen hier ein Phänomen, das mir wirklich Sorgen macht. Ich habe das in einer meiner Glossen mal so umrissen:

Jüngere Menschen müssen offenbar inzwischen auf den unterschiedlichsten Kanälen so viel kommunizieren, dass sie keine Zeit mehr haben, vollständige Worte und ganze Sätze zu bilden. Deshalb werden vermehrt einzelne Buchstaben oder ganze Worte eingespart. "Schapp" ist zum Beispiel das neue "Ich habe". In einem geläufigen Satz wie "Schapp voll kein Bock" werden auf diese Weise locker ein ganzes "habe" und gleich noch das eigentlich erforderliche "en" von "keinen Bock" wegrationalisiert. Letzteres ist normal, weil jugendsprachlich betrachtet nur noch der vordere Teil vom Akkusativ benötigt wird. Und zwar als Energiequelle fürs Handy ...

Was ich damals nicht geschrieben habe: Sparen könnte man sich auch das, was ich die sprachliche Völlerei nenne. Denn heute muss ja bei Menschen unter 30 in jedem Satz ein "voll" vorkommen. Das hört man überall: Voll doof. Voll schön. Und im Sommer war voll warm. Ich warte nur noch auf den ersten, der sagt: "Mein Glas ist voll leer." Da würde ich dann antworten: Ich gieß dir was ein, dann ist es wieder voll voll.

Was man angesichts dieser sprachlichen Fehlleistungen aber überraschend selten hört, ist folgender Satz:

Ich hab voll das schlechte Abi. Schlechte Abis gibt es nämlich kaum noch. Dazu habe ich Zahlen vorliegen: Am Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal machten im Jahr 2015 exakt 171 Schüler das Abitur. Sage und schreibe 77 davon hatten einen Notenschnitt mit einer 1 vor dem Komma. Davon legten sieben eine glatte 1,0 hin. Das ringt mir allergrößten Respekt ab. Denn da hätte mein 1982 erworbener Abischnitt bei fast der Hälfte dieser Absolventen gleich mehrfach reingepasst.

1,0 kannten wir damals eigentlich nur als Promillewert. Wer sowas aber als Abiturnote hatte, wurde sofort studienbegleitend als Chefarzt oder Raketenwissenschaftler eingestellt.

Für diese erstaunliche Entwicklung gibt es eigentlich nur zwei mögliche Erklärungen. Die Eine: Herr Schundau, der Vorsitzende der bergischen Regionalgruppe des Vereins deutsche Sprache, war ja lange Lehrer an diesem Gymnasium und hat da so herausragende Arbeit geleistet, dass die Schüler ein schier unglaubliches Niveau erreicht haben. Und die andere: Die Anforderungen im Abitur sind einfach so gewaltig gesunken, dass es wirklich ernsthafte Reifeprüfungen heute nur noch bei Käse gibt. Zumindest wenn es um sprachliche Leistungen geht, bin ich leider felsenfest davon überzeugt, dass Variante zwei stimmt.

Ich muss das mal so deutlich und ausnahmsweise ganz ernst sagen: Wir haben aus meiner Sicht sprachliche Bildung in der Schule in unglaublicher Form schleifen lassen. Da wundert es mich dann auch nicht, wenn ich Mails wie diese bekomme: "Hey Leute, bin Studi und wollte mal fragen, ob ich bei euch Jornalist werden kann." Jornalist selbstverständlich ohne u geschrieben ... Also noch einer, der die weit verbreitete Allgemeine Hochschulunreife erworben hat ...

Wohin das irgendwann führen kann, zeigt sich zum Beispiel so: Ich habe als Journalist (mit ou) seit bestimmt 30 Jahren mit Kommunalpolitik und Stadtverwaltung in Wuppertal zu tun. Dabei war es früher immer so, dass Verwaltungsvorlagen absolut präzise und gestochen formuliert waren. Das ist ja auch nicht ganz unwichtig, wenn man komplexe Sachverhalte erklären will und rechtswirksame Beschlüsse formulieren muss. Heute sieht das etwas anders aus.

Ich zitiere mal aus einer Verwaltungsvorlage, in der es um den Neubau des Sportplatzhauses an der Widukindstraße ging. Verfasst hat sie ein Diplom-Ingenieur.

Zitat: "Es wird geplant die Räume Umkleiden, Duschen, Toiletten und Technik im Erdgeschoss einzuplanen. Im ausbaufähigen Dachgeschoss sollen künftig Veranstaltungen durch den Sportverein ermöglicht werden und wird separat über einen Treppenraum erschlossen." Wen der Treppenraum erschließt, erschließt sich dem Leser leider nicht. Und genauso rätselhaft ist der Schlusssatz: "Wir gehen hier von reduzierten Planungsansätzen aus, orientierende Rahmenplanungen."

Wie gesagt: eine hochoffizielle Drucksache der Stadt Wuppertal. Ich hoffe, der Mann kann besser bauen als schreiben. Sonst stürzt das Häuschen garantiert beim ersten abgefälschten Fernschuss ein.

Auf Denglisch würde man zu sowas sagen: Das ist ein Megafail! Aber Denglisch ist ja heute streng verboten. Ich muss in diesem Zusammenhang auch noch etwas richtig stellen. Es ist nicht so, dass ich in meinen Texten ganz bewusst auf Anglizismen verzichte. Ich habe nur einfach so viel Spaß am Jonglieren mit deutschen Begriffen, dass ich die Englischen relativ selten brauche.

Ich muss dabei immer an ein Schild denken, das ich mal in einem Barmer Sanitätshaus gesehen habe. Da stand drauf: "Stützbestrumpfung im Hause". So schöne Formulierungen gehen einfach nur auf Deutsch.

Ansonsten finde ich es eigentlich egal, ob der Hausmeister Hausmeister heißt oder Facility Manager. Wichtiger wäre, dass er freundlich ist. Als langjähriger Nutzer städtischer Turnhallen weiß ich, wovon ich rede.

Außerdem könnten wir ja auch den Spieß mal umdrehen und mehr deutsche Worte ins Englische einschleusen. Mit Zwieback und Kindergarten hat das ja bekanntlich schon geklappt. Dafür muss man nur kreativ sein: Nehmen wir mal an, eine deutsche Firma hätte vor 20 Jahren die führende Suchmaschine fürs Internet erfunden und hätte sie auch genau so genannt. Dann würde heute die ganze Welt nicht googlen, sondern Suchmaschineln.
Ich finde, das ist ein richtig putziges Wort: Suchmaschineln! Vielleicht suchmaschinel ich demnächst mal meinen Namen. Und wenn dann da als ein Treffer erscheint "Gewinner des Bergischen Sprachpreises 2018", werde ich sehr gerne an die Verleihung zurückdenken.

Und weil man über alles reden darf, nur nicht über 10 Minuten, möchte ich noch eine letzte Bemerkung machen: Die Eule hier steht ja auch für Weisheit. Ich wünsche ganz, ganz vielen Leuten die Weisheit, gut auf unsere Sprache zu achten. Denn:

"Wir backen. Du König." –
das ist mir zu wenig!

Bis die Tage!

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