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Interview mit Enno Schaarwächter und Olaf Reitz
Dann fressen die Großen die Kleinen

Olaf Reitz und Enno Schaarwächter in der Diskussion über die Kulturszene Wuppertals. FOTO: Max Höllwarth
Wuppertal. Um die finanzielle Lage der Wuppertaler Bühnen ist es schlecht bestellt. Immer wieder warnt Geschäftsführer Enno Schaarwächter: Wenn sich nichts ändert, kann das Theater ab 2020/21 nicht mehr existieren. In einem Gutachten haben Unternehmensberater den Bühnen 2016 daher empfohlen, auch durch Sponsoring und Fundraising Geld einzuspielen. Von Nicole Bolz

 

Der freiberufliche Schauspieler und Rezitator Olaf Reitz spricht von "Kannibalismus in der Kultur", den man dadurch ausrufe und fordert eine "ehrliche Debatte" darüber, was sich die Stadt leisten kann und will. Schaarwächter teilt seine Sorge. Er hofft auf Geld vom Land und kreative Lösungen. Eine Annäherung.


Herr Schaarwächter, Sie haben es in einem Interview selbst gesagt: Kultursponsoring ist ein hart umkämpfter Markt in Wuppertal. Haben Sie gar kein schlechtes Gewissen gegenüber der Freien Szene, die auch davon lebt?
Schaarwächter: Doch schon, habe ich. Aber am Ende entscheidet ja der Sponsor selbst, wen er unterstützen möchte. Es wird sich kaum ein Großsponsor finden wie im Fußball, der uns komplett die Sorgen nimmt. Ich denke, wir müssen bei gezielten Projekten in die Breite der Bevölkerung gehen. So wie damals bei der neuen Bestuhlung im Opernhaus. Da gab es kleine und größere Spenden. Jeder, wie er konnte. Wir werden bei der aktuellen Situation nicht darum herum kommen.


Herr Reitz, wie klingt das für Sie?
Reitz: Ich sehe das grundsätzlicher. Wenn eine Stadt sagt, dass sie ein Theater will, dann muss sie sich auch darum kümmern, dass es finanziert ist. Sie kann nicht sagen, wir geben euch ein bisschen Geld und beim Rest müsst ihr selbst sehen, woher ihr es bekommt. Damit ruft man den Kannibalismus in der Kultur aus. Dann fressen die Großen die Kleinen. Das kann man natürlich so machen. Doch gleichzeitig sagt die Stadt, dass sie die Freie Szene erhalten will, weil sie die Stadt natürlich enorm bereichert. Dann muss sie aber auch dafür sorgen, dass beides existieren kann.


Dafür fehlt es aber an Geld ...
Reitz: Einerseits glaube ich nicht, dass es zu wenig Geld gibt. Dann muss man sich überlegen: Was will ich in dieser Stadt? Und: wünsche ich mir das umsonst oder will ich das bezahlen? Und da ist Ehrlichkeit notwendig: Will man die Bühnen mit ihren drei Sparten erhalten? Will man eine "reiche" oder vielfältige "Freie Szene"? Oder kann oder will man sich das alles nicht leisten? Die Debatte, so wie sie derzeit geführt wird, ist einfach unehrlich! 
Schaarwächter: Und es gibt auch immer weniger familiengeführte Unternehmen in der Stadt, die sich für die Kultur engagieren können und wollen. Das spürt man. Aber: Wer gibt, der entscheidet auch, wofür er sein Geld geben will.
Reitz: Und dabei wird er entscheiden, auf welchem Programmheft er sein Logo sehen will. Wo er sich den größten Mehrwert verspricht – vermutlich sieht er da bei den Bühnen den größten Effekt. Fest steht: Der Flurschaden wird groß sein. Denn die Freie Szene ist hoffnungslos unterfinanziert.


Das Land hat angekündigt, mehr Geld in die Kultur fließen zu lassen. Kann das helfen?
Schaarwächter: Bis zum Sommer sollten wir sehen, wie viel Geld Wuppertal und die Bühnen bekommen. Bei der angekündigten Summe könnte das Grundrauschen dadurch deutlich leiser werden – und die Zukunft des Theaters wäre für einen längeren Zeitraum gesichert. Wir müssten mal gemeinsam mit der Freien Szene darüber nachdenken, wie man sich unterstützen kann. In anderen Städten gibt es zum Beispiel das Modell, dass von jeder verkauften Karte der Bühnen ein kleiner Betrag für die Freie Szene bestimmt ist. Und die können selbst entscheiden, in welches Projekt das fließen soll. 


Für viele ist die Unterscheidung zwischen Freier Szene und Bühnen manchmal gar nicht mehr so gegeben ...
Reitz: Das stimmt. Das Theater am Engelsgarten hat gerade mal 155 Plätze und den Charme eines Off-Theaters. Nur besser ausgestattet. Die Oper bringt mit Aufführungen wie den "Three Tales" Stücke, die von der Idee genau so gut "Offstream" sein könnten. Da fällt die Unterscheidbarkeit von außen und die Argumentation städtische versus freie Kultur schwer. Das ist keine Kritik, ich schaue mir das sehr gern an – und zugegeben, in der Perfektion wie bei den "Tales" wird man es auch frei so nicht umsetzen können. 
Schaarwächter: Die Qualität ist ein deutlicher Unterschied. Wir sprechen hier von einem hochkarätigen Orchester. Aber vielleicht ließe sich die Zusammenarbeit zwischen den städtischen Bühnen und der Freien Szene für gewisse Projekte intensivieren. Es gibt dafür ein eigenes Programm vom Bund namens "Doppelpass", das genau solche Kooperationen von freien Gruppen aus allen Sparten und festen Tanz- und Theaterhäusern über einen Zeitraum von zwei Jahren mit deutlich sechsstelligen Förderungsbeträgen  für Produktionen und Gastspiele unterstützt. Solche Ideen müsste man weiterentwickeln. 
Reitz: Da wäre dann wieder die Kulturpolitik gefragt. Der Kulturdezernent, kulturpolitische Sprecher der Fraktionen, der Kulturausschuss. Da muss man sagen: Wie wollen wir einen Rahmen schaffen? Welche Räume geben wir? Laden wir mal Experten der Freien Szene mit denen der städtischen Kultureinrichtungen zusammen ein? Aber von der Seite habe ich bisher keine Visionen und Perspektiven für dieses ja nicht neue Problem erlebt. Lösungen fallen ja nicht vom Himmel, die muss man sich erarbeiten.
Scharwächter: Man muss auf jeden Fall nach Wegen suchen, die Freie Szene zu erhalten und zu fördern. Denn für eine Stadt wie Wuppertal wäre die Hochkultur einfach nicht genug. Vor allem vor dem Hintergrund des großen Themas Integration kommt der Freien Szene eine enorme Bedeutung zu. 
Reitz: Viele der offenen Fragen bezüglich der Fördertöpfe oder auch der bergischen Zusammenarbeit müsste man dazu an die Politik weiterreichen... 
Schaarwächter: Ich denke, dass man der Politik eher konkrete Vorschläge machen muss. Die Politik ist mit vielem beschäftigt, sie muss am Ende entscheiden.


Stichwort Tanzzentrum. Wenn das kommt, will auch das finanziert sein. Wird die Luft dann für alle anderen noch einmal dünner?
Reitz: Ich halte es grundsätzlich für eine gute Idee. Aber auch hier das gleiche Problem: Wenn die Stadt das will, muss sie offen sagen, wie es finanziert werden soll – und was das für Konsequenzen für die restliche Kultur hat. 
Schaarwächter: Das halte ich auch für wichtig: Dass man möglichst alle mitnimmt und es so transparent wie möglich macht. Wir brauchen die Freie Szene schließlich!