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Pina-Bausch-Neuinszenierung
Der alte Brecht bringt’s noch

Pina-Bausch-Neuinszenierung: Der alte Brecht bringt’s noch
Ihr Keuchen hört man bis hoch in den zweiten Rang: Stephanie Troyak – hier mit Oleg Stepanov. FOTO: Franziska Strauss
Wuppertal . Brecht ist lange her – die Uraufführung von Pina Bauschs "Die sieben Todsünden" 1976 auch. Bringt's das noch? Und wie! Die Neuinszenierung hatte jetzt im ausverkauften Opernhaus Premiere, belohnt von viel Szenen- und opulentem Schlussapplaus. Von Stefan Seitz

Etwa 30 Tänzer und Tänzerinnen, Sänger und Sängerinnen sowie das Sinfonieorchester Wuppertal sorgen bei diesem Brecht-Doppel-Feature für faszinierende, körperlich-keuchende, atemberaubende Bilder auf der Bühne, lassen die Brecht-Weill-Text-Musik-Welt mit der Power des Pina-Ensembles zusammenfließen.

All das zusammen zeigt: Die alten Themen der Ausbeutung und Erniedrigung (vor allem von Frauen) sind aktuell wie eh und je. Das tut weh – und wenn das Pina-Ensemble es interpretiert, jagt es einem immer wieder eiskalte Schauder über den Rücken. Teil 1, "Die sieben Todsünden", zeigt vor allem eine aufsehenerregend intensive Stephanie Troyak als Anna II. Sie saugt die Blicke auf sich: Hoffnung, Liebe, Enttäuschung, Zerbrechen – eine große Tänzerin.

Toll aber auch Cora Frost, die als Gast mit von der Partie ist, und als Anna I singend die Erzählung für die Handlung liefert: Den wahrlich nicht einfachen Weill-Rhythmus meistert sie sehr gut – dank ihr wird deutlich, worum es geht, während Anna II, ihre schöne Schwester, für den Traum vom Familien-Häuslebauen zur Prostituierten gemacht wird.

Teil 2, "Fürchtet euch nicht" mit vielen Brecht-Weill-"Hits", lässt das ganze Ensemble spektakulär agieren: Das ist nicht mehr nur Choreographie, das ist lebendige Menschen-Architektur mit mathematischer Exaktheit plus großer Emotionalität, die die gesamte Bühne zum Hexenkessel verwandelt.

Und auch hier glänzt der Abend mit intensiven Brecht-Weill-Erlebnissen: Das "Surabaya Johnny"-Lied macht Gänsehaut – und beim "Mond von Alabama"-Song aus "Mahagonny", der das Opernhaus wie eine Klangkuppel mit Musik, Text und Bewegung bis unter die Decke füllt, wird körperlich spürbar, was die Verbindung von Tanztheater und Theater kann.

Dabei gib es immer wieder funkelnde Einzelauftritte: Wuppertals Theater-Legende Ingeborg Wolff beispielsweise als "Puppen-Mutter" in einer Gastrolle – oder die so kleine und doch so große Ditta Miranda Jasjfi mit raumfüllender Präsenz: Während auf der Hauptbühne das schrillbunte Ensemble zu "Alabama" hin und her wogt, kämpft sie am Rand zäh (und vergebens) gegen den fast doppelt so großen "Fürchtet euch nicht"-Pharisäer, der von der Errettung aus dem Sündenpfuhl durch Gott säuselt – und doch nichts anderes will als ihr an die Wäsche.

Und nicht zu vergessen: Jo Ann Endicott (auch sie als Gast) und Nazareth Panadero als superstarkes Grande-Dame(n)-Duo. Es soll Stimmen geben, die eine konsequente Verjüngung des Pina-Bausch-Ensembles fordern. Die dürfen den donnernden Szenenapplaus für Endicott und Panadero gern als Ohrfeige werten. Das nämlich ist eines der Geheimnisse von Pina Bausch: Dass sie junge und ältere Frauen und Männer stets zusammen auf die Bühne gebracht hat. Weil die Welt aus lauter solchen Menschen besteht. Immer schon – und überall.

"Die sieben Todsünden" läuft nochmals am 24., 26., 27. und 28. Januar 2018.

 
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