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"My Fair Lady" im Opernhaus
Ding, dong, es war so wunderbar …

Gar nicht so einfach, eine feine Dame zu geben – doch Nadine Schöneberg schafft die Verwandlung der Eliza bravourös. FOTO: Wil van Iersel
Wuppertal. Der abgeänderte Refrain aus Alfred Doolittles berühmtem Gassenhauer kann getrost für die ganze aktuelle Wuppertaler "My Fair Lady"-Inszenierung übernommen werden, meint unser Rezensent. Von Klaus Göntzsche

Seit der deutschen Erstaufführung des Musicals von Frederick Loewe und Alan J. Lerner am 25. Oktober 1961 (nur drei Monate nach dem Bau der Mauer) im Theater des Westens in Berlin mit der legendären Besetzung Karin Hübner (Eliza), Paul Hubschmid (Higgins), Friedrich Schönfelder (Pickering) und Rex Gildo (Freddy) sind Tausende von Inszenierungen dieses Klassikers um das Blumenmädchen Eliza Doolittle und den kauzigen Professor Henry Higgins aufgeführt worden. Eine davon ist - und zwar eine absolut sehenswerte - ist die bewährte Inszenierung des Pfalztheaters Kaiserslautern, die Opernintendant Berthold Schneider nach Wuppertal geholt hat. Und in der Regisseur Cusch Jung der oft drohenden Versuchung widerstanden hat, diesen Welterfolg für seine Inszenierung auf vermeintliche Zeitgeister zu "verschlimmbessern".

In Wuppertal ist der erfahrene Musicalexperte (abwechselnd mit Lokalmatador Thomas Braus) auch auf der Bühne selbst zu erleben - in der dankbaren Higgins-Rolle. Bei der von der Rundschau besuchten Vorstellung am 27. Oktober führte das zu leichtem Getuschel im vollen Haus – wer liest schon den Aushang mit der Abendbesetzung? Doch der Regisseur und Choreograph überzeugte in seiner eigenen Inszenierung wie das gesamte Ensemble und das Team hinter den Kulissen.

Dabei ist die Wahrnehmung für besondere Leistungen stets individuell. Mitunter gefallen besonders die kleineren Rollen – wie an diesem Abend Angela H. Fischer als würdevolle Hausdame Mrs. Pearce und die langjährige Lindenstraßen-Fachkraft Dagmar Hessenland als ihrem unerträglichen Sohn gegenüber angemessen distanzierte Frau Mutter Mrs. Higgins. Dankbar sind in der "Lady" eigentlich alle Rollen – der Eliza-Vater Alfred P. Doolittle ist es im Besonderen. Sebastian Campione vom hiesigen Ensemble genoss die Rolle des gesellschaftlichen Außenseiters, der ungewollt vermögend gemacht wird – "Ding dong, es war so wunderbar."

Die Drehbühne im Opernhaus sorgte einerseits für einen schnellen und umbausparenden Ablauf, schaffte andererseits eine Distanz zum Publikum mit viel Fläche davor. Die wurde allerdings vorzüglich genutzt vom virtuosen Chor und dem Extra-Ballet mit reizenden Kostümen. Das bestens disponierte Sinfonieorchester, wechselweise unter der Leitung von Markus Baisch und Michael Cook, begann an der Rampe, das Absenken in den Graben geschah dezent.

Das Stück spielt im London der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die königliche Galopprennbahn von Ascot wurde gar schon 1711 eröffnet. Sie gehört der dort oft wie selbstverständlich anwesenden Königin, in der Wirklichkeit führt ein direkter Weg von ihrem Schloss Windsor zum royalen Hippodrom. Die wie Cusch Jung schon in der Pfalz als "Eliza" gefeierte Nadine Stöneberg zelebriert ihren Ascot-Auftritt wie erwartet desaströs komisch.

Am Ende bemerken der gutmütige Oberst Pickering (Tom Zahner) und der selbstverliebte Sprachvirtuose Higgins, wie intensiv die "Rinnsteinpflanze" nach der Zeit des gnadenlosen Unterrichts (mit "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen") ihre Herzen erobert hat und für ihre geschundene Seele anderweitig bestätigt wird – von einer unverdrossen um diese zauberhafte Frau kämpfenden Lusche namens Freddy Eynsdorf-Hill (am Abend Mark Bowman-Hester). Henry Higgins ereilt unterdessen die verdiente Schmach: Eliza stopft ihm das Maul.

"Das war so perfid schön, das überdreht das optische Wohlgefallen so perfekt, daß da die volle Wonne des Musicals aufschlägt. Eine gezielte Orgie des eleganten Schönen. Ähnliches hat man in dieser Sphäre hier nie gesehen." Diese Wuppertaler "My Fair Lady" wäre so trefflich beschrieben. Es war aber die Hymne des großen Berliner Theaterkritikers Friedrich Luft nach der Premiere vor 56 Jahren, für die der Theaterchef Hans Wölffer die sagenhafte Summe von einer Million Mark investiert hatte.

Der Mauerbau zwang ihn dazu, die fest eingeplanten, nun aber ausbleibenden Ost-Berliner Besucher durch den Einsatz von Bussen aus dem Westen auszugleichen. Sonderbusse aus Elberfeld hätte dieser Abend allerdings auch verdient ...