Starke Premiere von Else Lasker-Schülers "IchundIch" in Wuppertal

Riedel-Hallen: Else Lasker-Schülers „IchundIch“ : Und Else geht immer im Kreis

Schauspiel und Tanz, Sand und Totenschädel, Nebelschwaden, Video-Bildschirme und Spielzeugpanzer: Premiere der außergewöhnlichen Wuppertaler Adaption von Else Lasker-Schülers theatralischer Tragödie „IchundIch“ in den Riedel-Hallen.

Wer am Ende nach etwa zwei Stunden nachdenklich und mit Fragen die spektakuläre Location im Uellendahl verlässt, muss sich nicht schämen.

Elses „IchundIch“ (entstanden 1940/41 in Jerusalem) ist eine Umkehrung der gewohnten Mephisto-Faust-Sichtweisen, stellt die Perspektiven von Welt und Hölle auf den Kopf, verarbeitet das Grauen der Nazi-Zeit, das die Elberfelder Dichterin als „Verscheuchte“ auf der Flucht und im Exil hautnah erleben musste. „IchundIch“ ist keine leichte Kost, ein komplexer und komplizierter Doppelpersönlichkeits-Textbrocken, der sich so ganz und gar anders präsentiert als die licht- und herzdurchfluteten Gedichte, die Else Lasker-Schüler so unverwechselbar machen.

„IchundIch“ ist ein wahres Panoptikum, auch eine Abrechnung, auch eine bitterböse Komödie. Faust und Mephisto, ihre „Faust-Kollegin“ Marthe Schwerdtlein, ein israelischer Zeitungsredakteur, der Theaterregisseur Max Reinhardt, der „Reichstagsbrandstifter“ Marinus van der Lubbe sowie Goebbels, Göring, Heß, von Schirach und viele mehr treten auf. Fast ununterbrochen umkreist sie Else Lasker-Schüler selbst wie ein unendlich wandernder Himmelskörper – zurückhaltend und doch stets präsent dargestellt von Julia Wolff.

Schließlich bleibt sie doch allein: Julia Wolff als Else Lasker-Schüler in Else Lasker-Schülers „IchundIch“. Foto: Uwe Schinkel

Die Inszenierung der israelischen Regisseurin Dedi Baron, die sich in einem faszinierend gemachten Bühnenbild und ebensolchen Kostümen (beides von Kirsten Dephoff) abspielt, fügt das Theater zusammen mit zeitgenössischem Tanz, die sich großartig ergänzen. So gelingt es, das Sperrige des eigentlichen Stückes und seiner Schrecken zugänglich zu machen – erfahrbar ganz nah.

Die zauberisch ausgeleuchtete riesige, von einem Meer aus Stiefeln umstellte Sand-Arena, aus der die Bühne besteht, ergibt einen Raum mit Sogwirkung. Man kann den Blick davon nicht lassen. In dieser Hölle aus Sand agieren die Schauspieler Thomas Braus, Julia Reznik, Konstantin Rickert sowie (siehe oben) Julia Wolff ganz eng zusammen mit den Tänzern Léonor Clary, Douglas Letheren, Pascal Merighi, und Kenji Takagi.

Sie spielen, sie stampfen, sie sprechen und singen, sie verausgaben sich jeder auf seine Art: So viel körperliche Präsenz gibt’s selten live. Thomas Braus sowieso, Léonor Clary als Marthe Schwerdtlein, die ein beeindruckendes Programm absolviert – alle anderen auch. Finstere Nazigrößen mit riesigen Bärenfellmänteln, Fat-Suit-Bäuchen und lächerlichen Papierkronen, Spielzeugpanzer blinken durch die Halle, Totenschädel und Knochen werden vergraben, geworfen, als Mikrofone benutzt, rund um die Bühne platzierte Bildschirme zeigen Füße, Sand, Maschinengewehre, Pistolen sowie die Bilder aktueller Problempolitiker von Putin über Trump bis zu Orbán und Kim Jong-un – inklusive Israels Hardliner-Regierungs-Chef Benjamin Netanjahu.

Und all das steht immer unter dem Eindruck der großen Fragen: Gibt es Gott? Was ist die Hölle? Wer hilft hier weiter fort?

Die Inszenierung schafft es, ein Stück, das manchem wie aus grauer Vorzeit anmuten mag, durch seine hochaktuellen Zwischentöne, seine Kombination aus Schauspiel, Tanz, Licht und Musik in etwas absolut Heutiges zu verwandeln. Etwas Heutiges (und sehr Tagespolitisches!), das imstande ist, zu packen – im Gedächtnis zu bleiben.

Und, wie gesagt, viele Fragen aufzuwerfen. Bei deren Beantwortung übrigens hilft durchaus das optisch und inhaltlich tolle Programmheft: Sowas Schönes gab’s auch schon lange nicht mehr.

Mehr von Juegosdechicas