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Rede von OB Andreas Mucke
"Gegen die Mauern in den Köpfen"

Rede von OB Andreas Mucke: "Gegen die Mauern in den Köpfen"
Andreas Mucke forderte ein einiges Land – und eine einige Gesellschaft. FOTO: Karl-Heinz Krauskopf
Wuppertal. Das von Ex-OB Peter Jung eingeführte Benefizkonzert zum Tag der Deutschen Einheit sorgte auch in diesem Jahr wieder für eine voll besetzte Stadthalle.

Während in früheren Jahren das Datum der Wiedervereinigung gerne genutzt wurde, um auf sich annähernde Lebensverhältnisse hinzuweisen, die Kommunen wie Wuppertal gegenüber ostdeutschen Großstädten benachteiligten, legte OB Andreas Mucke in diesem Jahr den Schwerpunkt auf andere aktuelle Ungleichgewichte. Die gesamte Rede.

"Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie hier in unserer Historischen Stadthalle, um gemeinsam den Tag der Deutschen Einheit zu feiern.

Der 3. Oktober 1990 ist der Tag, an dem Ost und West wieder eins geworden sind. Für uns Deutsche war und ist es eine große Freude, dass wir seit 28 Jahren in einem vereinten und friedlichen Deutschland und Europa leben können. Trotzdem gibt es in unserem Land eine Zerrissenheit, die nichts mit der Himmelsrichtung zu tun hat. Durch die Gesellschaft geht ein Riss, den wir gemeinsam so schnell wie möglich schließen müssen.

Denn die Ereignisse in Chemnitz und Köthen, auch die Demonstrationen der Rechtspopulisten hier bei uns und überall in Deutschland zeigen, dass etwas im Gefüge unserer Gesellschaft aus dem Ruder läuft.

Und das macht mir Sorgen.

1989 sind Tausende auf die Straße gegangen und haben die Mauer zu Fall gebracht. Seitdem leben wir in einem vereinten, friedlichen und freien Deutschland. Für viele ist das selbstverständlich geworden – allzu selbstverständlich.

Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sind aber nichts Statisches. Wir müssen jeden Tag immer wieder aufs Neue für diese Grundwerte eintreten und sie mit Leben füllen.

Mir ist sehr bewusst, dass viele Menschen Angst vor der Zukunft haben und ihr Vertrauen in staatliche Institutionen verlieren oder schon verloren haben. Unser Leben wird immer schneller, komplexer, unberechenbarer… Aber auf komplexe Probleme gibt es nun mal keine einfachen Antworten – obwohl gerade die Politiker von rechts meinen, mit einfachen Antworten Lösungen vorzugaukeln. Denn die wollen nämlich in Wahrheit keine Lösungen, sondern die Verunsicherung der Menschen, um Hass zu schüren.

Demokratie muss jeden Tag verteidigt und offensiv gelebt werden. Ja, Demokratie ist manchmal anstrengend und langsam. Aber es ist die beste Art und Weise, die ich kenne, respektvoll zusammen zu leben.

Es gibt zwar keine Mauer mehr, die unser Land und Europa in Ost und West teilt. Es gibt aber Mauern in den Köpfen, die wieder wachsen.

Heute ist der Tag der Deutschen Einheit, an dem wir uns Gedanken darüber machen müssen, wie wir diese Mauern in der Köpfen zu Fall bringen und eine Einheit in Vielfalt leben können.

Daher müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass wir wieder miteinander ins Gespräch kommen, miteinander sprechen und nicht übereinander.

Intoleranz, Hass, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus dürfen nicht weiter Einzug in unsere Gesellschaft halten und dabei schleichend gesellschaftsfähig werden.

Ich beobachte, dass sich in der Sprache Grenzen verschieben, dass Sprache verroht. Auch bei Politikern von manch so genannter Volkspartei. Mit der Verrohung und Verharmlosung in der Sprache fängt es an, bei Gewalttaten gegen Andersdenkende und Minderheiten hört es auf. Das sollten wir Deutschen aus unserer Geschichte nur allzu gut wissen!

Deshalb appelliere ich an die schweigende Mehrheit: Erheben wir unsere Stimme für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte für die Würde jedes einzelnen Menschen.

Denn wir sind mehr!

Verantwortungsvolles Handeln fängt bei jedem und jeder einzelnen von uns an, fängt an bei dem, was wir sagen und wie wir es sagen. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, dass wir uns klar positionieren – auch in Wuppertal:

- Wir lehnen jede Form von Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsradikalismus ab.

- Wir setzen den rechtsextremen, extrem-religiösen und radikalen Kräften unser Bild einer toleranten, weltoffenen Gesellschaft entgegen.

Lassen wir nicht zu, dass beispielsweise Zuwanderer als Sündenböcke herhalten müssen- machen wir deutlich, dass zugewanderte Menschen zu unserer Gesellschaft gehören, Teil unserer Gesellschaft sind.

Treten wir gemeinsam ein für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, für die Werte unserer Verfassung -

Für ein einig Deutschland mit einer einigen Gesellschaft!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!"

Die Rundschau-Radrunde