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Interview mit Albert Hammond, dem Gründer der „Free Electric Band“
„Ich liebe die klassische Musik – vor allem morgens“

Albert Hammond auf der Bühne - immer noch ein Energiebündel. FOTO: Andreas Weihs
Wuppertal. Albert Hammond war nicht nur mit der "Free Electric Band" in den 70er Jahren ein ständiger Hitparadenstürmer. Er schrieb darüber hinaus zahllose Welthits für andere Künstler. Im Mai 2018 wird er bei "Rock meets Classic" mit dem Wuppertaler Sinfonieorchester und dem Kammerchor "Amici Del Canto" in der Stadthalle auftreten. Michael Ackermann, Mitbegründer der Reihe, bei der schon "Procul Harum" und "Jethro" Tull in Wuppertal waren, unterhielt sich jetzt für die Rundschau mit Albert Hammond.

Rundschau: Du kamst von Gibraltar nach England in den frühen 60er Jahren zurück, gerade als die Musikrevolution so richtig durchstartete. Wie stark warst Du in diese gesamte Szene eingebunden und gab es etwas, dass dich insbesondere beeinflusste?

Hammond: Ja, natürlich – dadurch, dass ich in Gibraltar aufwuchs wurde ich durch marokkanische Musik, spanische Flamenco-Musik beeinflusst. Natürlich auch Pop, Rock, R&B, Jazz und Country. Da gab's ja die Jukeboxes und man hörte die unterschiedlichste Musik. Die Beeinflussung war immer da! Als ich nach England ging, bin ich tief eingetaucht in die Szene. Bei einigen Songs, die ich mit meiner Gruppe "Family Dogg" aufgenommen habe, spielten Mitglieder von Led Zeppelin mit. Bei manchen war John Paul Jones für die Arrangements verantwortlich. Jeder inspirierte den anderen. Die 60er Jahre waren eine wundervolle Dekade für mich. Die 70er wurden dann für mich noch besser und so habe ich fünf Jahrzehnte im Showgeschäft erleben dürfen, was einfach unbeschreiblich schön ist.

Rundschau: Du hast eine Menge Welthits geschrieben, die von anderen Künstlern gesungen wurden. Aus deiner Feder stammen Welthits wie "The Air That I Breathe" (Hollies), "One Moment in Time" (Whitney Houston), "When I Need You" (Leo Sayer), "Nothing's Gonna Stop Us Now" (Starship), "To All the Girls I've Loved Before" (Willie Nelson & Julio Iglesias) und "I Don't Wanna Lose You" (Tina Turner). Wie muss man sich das vorstellen? Hast Du einen bestimmten Künstler im Auge, wenn Du ein Lied schreibst? Oder nehmen die Künstler mit Dir Kontakt auf und fragen nach einem Lied?

„Rock meets Classic“-Mitgründer Michael Ackermann (rechts) traf Albert Hammond auf einem Festival in Weilberg. FOTO: privat

Hammond: Manchmal rufen Dich Künstler an und fragen nach einem Lied. Manchmal schreibst du ein Lied und wenn es fertig ist bist fühlst du, das wäre ein gutes Stück für einen bestimmten Künstler. So gehe ich her und mache eine Demoaufnahme in dessen Stil. Es gibt da eine Menge Geschichten, zum Beispiel zu "To all the girls I loved before". Dieses Lied wurde elf Jahre, bevor es ein Hit wurde, geschrieben. Ich nahm ihn 1973 auf, in dem Jahr, in dem ich es auch geschrieben hatte. Doch es passierte elf Jahre lang nichts. Dann tauchte Julio Iglesias auf, rief mich an und sagte, dass er ein englischsprachiges Album aufnehmen würde, sein erstes in Englisch. Er würde es sehr begrüßen, wenn ich es produzieren würde. Ich habe dann einige Lieder ausgesucht und dachte, dass dies ein spezieller Song für ihn sein könnte. Gleichzeitig dachte ich an Willie Nelson, der gerade einen Nr. 1-Hit mit "You are always on my mind" hatte. Ich meinte, diese beiden unterschiedlichen Typen, den Cowboy und den Playboy, zusammen zu stecken, wäre eine wunderbare Idee. Oder 1969: Da schrieb ich "It never rains in Southern California" in London. Jeder, dem ich das vorspielte, sagte, dass es ein schreckliches Lied wäre. So spielte ich es nie wieder, bis ich eine "Audition" bei Clive Davis in den USA hatte. Dort spielte ich viele Songs vor außer "It never rains...". Er fragte, hast Du mehr und ich sagte, ja hier diesen. Jeder der ihn hörte, fand ihn allerdings grausam. Als er den Song dann hörte, meinte er, dass dies womöglich mein größter Hit würde und wir nannten das Album "It never rains..."!

Rundschau: Wir haben Ingolf Lück als Moderator für Deine beiden Shows gewinnen können. Er wurde in den 80er Jahren durch die Musiksendung "Formel Eins" bekannt. Als wir ihn fragten, ob er uns zur Verfügung stehen würde, war er von dieser Idee sofort begeistert. Er sagte spontan, dass er Dich immer mal fragen wollte, warum es nie in Californien regne. Wenn er Dir diese Frage stellen würde, was wäre Deine Antwort?

Hammond: Das Lied handelt überhaupt nicht vom Regen. Regen wird da eigentlich nur erwähnt. Tatsächlich handelt es sich um mein Leben. Über einen Typ, der versucht im Musikgeschäft etwas zu erreichen. Das war es, was ich versuchte. Das geht weit zurück in die Zeit in Spanien, in Gibraltar. Ich versuchte erfolgreich zu sein. Aber es war sehr schwierig. Du willst einfach Dein Ziel erreichen, jedoch erkennst du, dass es fast unmöglich ist. Da gibt es im Englischen ein altes Sprichwort, das lautet " It never rains, but when it rains, it pours" ( Es regnet nie, aber wenn es regnet, dann schüttet es so richtig). Das ist die Geschichte des Lieds. Offensichtlich war es eine gute Idee "California" im Songtext einzubauen, da es da ja nun wirklich nicht viel regnet. Das machte Sinn.

Rundschau: Du bist der dritte Künstler in der Wuppertaler "Rock meets Classic" – Serie. Es fing 2013 mit Procol Harum an und wurde 2015 mit Ian Anderson's Jethro Tull fortgesetzt. Eine unserer Shows wurde von Uschi Nerke, bekannt durch den "Beat Club”, moderiert. Sie war richtig erfreut, als die die Poster deiner Konzerte in Wuppertal sah und sagte, dass sie in jedem Fall kommen würde. Dann erzählte sie folgende Geschichte: Bei deinem ersten Soloauftritt im Beat Club kamst Du in das Studio und sagtest, dass es schön wäre wieder hier zu sein. Die anderen erkannten Dich nicht, da Du bei Deinen vorherigen Besuchen mit "Family Dogg" immer einen Hut getragen hättest. Erinnerst du dich daran?

Hammond: Ja, natürlich – richtig gute Erinnerungen an Uschi. Ich habe sie auch zwischenzeitlich gesehen, sie kam zu ein paar meiner Konzerte. Ich erinnere mich auch sehr gut an Mike Leckebusch, den Produzenten. In der Tat kann es gut sein, dass sie mich damals nicht erkannt haben. Unter anderem wahrscheinlich, da ich früher einen Schnauzbart trug, den ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hatte. Aber wie gesagt, es war eine tolle Zeit mit dem Beat Club, dem Musikladen und eben auch mit Uschi. Sobald es mit dem Internet losging, fanden wir uns wieder. Wir pflegen den Kontakt auch noch heute. Wenn sie nach Wuppertal kommt, werde ich sie nochmal in den Arm nehmen.

Rundschau: Blickt man auf Deine lange Karriere zurück, so hast Du die Partituren für einen Teil Deiner Lieder fürs Orchester erst sehr spät geschrieben. Gab es da einen speziellen Grund?

Hammond: Ich hatte es schon früher versucht, aber keiner war wirklich interessiert. Schließlich fand ich eine Plattenfirma, die sich der Sache annahm und es für eine großartige Idee hielt. So konnte ich es dann angehen. Jeder weiss, eine Platte mit einem Symphonieorchester einzuspielen kostet eine Menge Geld. Viele wollen das Risiko nicht übernehmen. Schließlich fand ich dann den Leiter einer Plattenfirma, der ein "Music-Man" und nicht ein Anwalt oder Buchhalter war, so wie es bei vielen Firmen in dieser Branche üblich ist. Als echter "Music-Man" fand er es eine großartige Idee, meine Hits in ein symphonisches Gewand zu kleiden. Insbesondere da meine Lieder sich sehr dafür eignen und sich darin sehr wohl fühlen.

Rundschau: Wenn Du heute Klassik hörst, was hast Du dann auf Deinem Plattenteller?

Hammond: Oh, ich liebe klassische Musik. Alles von Händel, über Bach, Beethoven, Mozart bis hin zu Schubert. Ich liebe die Klassik, sie begeistert und inspiriert mich. Am liebsten höre ich sie morgens, sie hat so etwas Friedvolles. Heavy Rock kann ich morgens überhaupt nicht vertragen. Eine Menge Musik, die ich geschrieben habe, hat dieses Gefühl der Klassik. Das ist auch einer der Gründe, warum ich unbedingt die Sache mit dem Orchester machen wollte. Mich hätte interessiert, wie sie zum Beispiel die Melodie bei "When I need you" gesetzt hätten oder was hätte Tschaikowsky mit "I'm a Train" gemacht? Das war die eigentliche Idee hinter dem Orchesterprojekt.

Rundschau: Wie oft hörst Du Dir Musik von "The Strokes" an. (Bei dieser überaus erfolgreichen Band spielt sein Sohn mit, Albert Hammond jr.

Hammond: Ehrlich gesagt kaum. Sie haben seit längerer Zeit keine Platte mehr raus gebracht. Es ist nicht die Art von Musik, die ich mag. Ich glaube zwar, sie ist großartig, aber eben nicht meine Kragenweite. Ich bevorzuge Chuck Berry-Rock'n'Roll, nicht diese neue Art des Rock'n'Roll.

Rundschau: 1972 hast du das Lied "Down by the river" geschrieben. Wahrscheinlich einer der ersten Pop-Songs, der Umweltverschmutzung zum Thema hatte. Kannst Du heute noch Zeit erübrigen, um dich aktiv für Umweltschutz einzusetzen?

Hammond: Oh ja, ich versuche es. Insbesondere über das Internet . So nutzen viele Organisationen meinen Namen, damit der Umweltschutz in aller Munde ist und man darüber spricht, um diese wunderbare Welt zu retten. Wir tendieren dazu, durch einen Park zu laufen und schauen uns nicht um, laufen einfach hindurch. All die verschiedenen Bäume, die Vögel – da ist soviel, was die Natur uns gibt. Wir nehmen alles so selbstverständlich hin und es scheint uns kaum noch etwas zu Herzen zu gehen. Für mich versuche ich, es anders zu machen. Egal wohin ich gehe, ich versuche die Schönheit wahrzunehmen. Natürlich kann die Natur auch grausam sein. Es ist so, als würdest du deinen Körper misshandeln. Aber irgendwann wird er auch zu dir grausam sein. Wir missbrauchen die Natur, aber die schlägt zurück.

Rundschau: Du bist ein Weltenbürger. Geboren in London, lebst Du nun in Spanien und Los Angeles. Durch all Deine Reisen rund um den Globus hast Du einen Überblick in vielen Aspekten. Wenn Du an den Brexit oder die separatistischen Bewegungen in Katalonien denkst, verstehst Du die Menschen, welche für sich selbst Entscheidungen treffen wollen und ihre nationale Identität behalten wollen?

Hammond: Ich bin ein Mensch mit spirituellen Neigungen, kein religiöser Mensch und ich glaube, wir leben in einer Welt. Da gibt es keine andere. Ich glaube, man kann es mit einer Familie vergleichen, die sich trennt. Da gibt es keine Gemeinsamkeiten mehr und ich glaube, wir sollten über diese eine Welt nachdenken, nicht über Länder. Unglücklicherweise leben wir in einer Welt, in der die Menschen es lieben, verschiedene Länder zu haben. Wenn man etwas haben will, so zieht man möglicherweise in einen Krieg. Hier geht's dann um Geld oder um was auch immer. Ich glaube an DIE Familie und für mich ich diese Welt eine Familie, wenn wir es nur wollten. Unglücklicherweise sind die Menschen sehr zerfahren. Ich wünschte, wir könnten das ändern. Schau dir das kleine Wort "Liebe" an. Welches jedoch eine große Bedeutung hat. Ich bin ein sehr friedliebender Mensch und finde es nicht gut, was da teilweise auf dieser Welt geschieht oder geschehen ist. Ich denke, dass ich da nichts ändern kann. Ich mache meine Musik und versuche die Menschen glücklich zu machen, so dass sie ihre Sorgen in den zwei Stunden, in denen ich auf der Bühne stehe, vergessen können. Das ist mein Lebensziel. Ich will nicht kämpfen, ich habe keine Flagge, ich hab kein Land. Aber ich lebe in einer Welt, einer wunderbaren Welt!