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9 Kilometer Balkantrasse
Himmlischer Kuchen und bergischer Barock

9 Kilometer Balkantrasse: Himmlischer Kuchen und bergischer Barock
Rundschau-Redakteurin Nina Bossy fuhr von Wermelskirchen nach Lennep und war überrascht, wie viel Urlaubsgefühl hinter Wuppertal schlummert. FOTO: Max Höllwarth
Wuppertal. Wer mit dem Auto durch Bayern fährt und in einem Dorf Rast macht, möchte jauchzen: Ist das schön hier, so ursprünglich! Vergessen Sie das Auto und vergessen Sie Bayern. Fahren Sie mit dem Rad nach Wermelskirchen oder Lennep! Denn diese bergischen Örtchen vermitteln pittoreske Historie mit einer Brise Urlaubsstimmung. Von Nina Bossy

Weil dieser Abschnitt der Rundschau Radrunde in Wermelskirchen startet, beginnt er an einer Kuchentheke. Zitronenbaiser, Trüffeltorte und Erdnuss-Karamell-Kreation, das Café Wild hat seinen Namen längst über die Stadtgrenze hinaus und so stehen auch an diesem Samstag Cabrios mit Düsseldorfer oder Kölner Kennzeichen, die vom süßen Leben ihrer Besitzer erzählen, vor dem Markt in Wermelskirchen.

Das Café Wild ist der Place to Be in Wermelskirchen. Das wissen auch Kölner und Düsseldorfer. FOTO: Max Höllwarth

Die Torte schmeckt wunderbar und so herrscht leichte Ausflugsstimmung, bevor die Radrunde begonnen hat. Rad und Kuchen, genau das scheinen die Wermelskirchener zu leben. Bis auf die Touristen am Café Wild scheint die ganze Stadt das Auto abgeschafft zu haben. Die auf den Straßen eingezeichneten Radwege sind voller als die Hauptstraße und überall stehen Schilder, auf welcher Trasse man sich zu welchem Ziel begeben kann. Ich sattel auf, neun Kilometer sind es vom Trasseneinstieg Tente Richtung .

Dieser Abschnitt der Balkantrasse verläuft sanft und schattig, weniger geprägt von großen Sehenswürdigkeiten als von blühendem Grün links und rechts am Wegesrand, auch das eine oder andere Gewerbe zieht an mir vorbei. "Woher geht's nach Hückeswagen?", fragt mich ein entgegenkommender Radfahrer. Ich zucke mit den Schultern und verweise auf die Schilder. Aber da, tatsächlich! In zwei Richtungen weisen sie nach Hückeswagen. Nicht alle Wege führen nach Rom, sondern scheinbar in die bergischen Städte. Und so ist auch der Weg nach Lennep mal nach Nordosten, mal nach Süden ausgezeichnet. "Einfach der Trasse folgen", beruhigt mich später  ein anderer Radler und weist nach Osten. Und tatsächlich erreiche ich erst die Ausfahrt Radevormwald, um dann ein paar Kilometer später am Lenneper Bahnhof anzukommen. Dort verlasse ich die Trasse, radel über die Bahnhofstraße, biege rechts auf die Wallstraße ab, um in der Lenneper Altstadt zu landen.

Von wegen alle Wege führen nach Rom - nach Lennep und nach Hückeswagen hat der Radler die Qual der Wahl... FOTO: Rundschau

Das historische Städtchen mit Schiefer- und Fachwerkhäusern aus dem Bergischen Barock erinnert mich sofort an unser verschlafenes Dornröschen Beyenburg. Dass es aber hinter den grünen Fensterläden brodelt, zeigt der Einzelhandel. So wird ein paar Schaufensterscheiben weiter,  neben dem kleinen "Atelier für Papier-Restaurierung", die baldige Eröffnung eines Schuh-Outlets angekündigt. Die Stadt, deren Häuser größtenteils Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden sind, steht im Umbruch.

Denn, wenn alles nach Plan läuft, passiert neben dieser kleinen Altstadt bald großes Touri-Shopping.  Unter dem Titel " DOC" hat das Unternehmen McArthurGlen, das auch das Mega-Outlet im holländischen Roermond betreibt, ein Designer Outlet geplant. Derzeit arbeiten noch Juristen statt Bauarbeiter an den Plänen. Der Investor ist optimistisch, dass das Outlet kommen wird. Die Wuppertaler klagen und auch mancher Lenneper selbst begehrt dagegen auf.

Wunderschön pittoresk ist die Altstadt von Lennep. Und lebendig: In den Restaurants suf dem Alten Markt wird brummt das Leben. FOTO: Rundschau

"Ach, wer weiß schon, wie diese Geschichte ausgehen wird", sagt Brigitte Johnen. Mit der 69-jährigen Ur-Lenneperin komme ich an ihrem Obststand zwischen deutschen Waldbeeren und Rüben ins Plaudern. Jeden Mittwoch und Samstag verkauft sie Obst und Gemüse auf dem Alten Markt. Auch an jedem anderen Tag öffnet sie ihr Lenneper Spezialitätengeschäft, mit über 200 Sorten Whisky und bergischer Confiserie in den Regalen. "Natürlich wäre schön, dass, wenn das Outlet kommt, es auch etwas für das alte Lennep tut", sagt sie. Und wer einmal zu Frau Johnen vorgedrungen ist, sieht: Lennep kann Besuch gut aushalten. Denn anders als in Beyenburg ist hier das Leben zuhause.

Restaurant an Restaurant, Stuhl an Stuhl reihen sich hier auf dem Alten Markt neben dem Lädchen von Frau Johnen. Ein wahrer Treffpunkt, gerade für jüngere Leute, sagt sie, und das Zuhause für Gastronomie aller Herren Länder. Bevor ich mich zur nächsten Pause niederlasse, empfiehlt Frau Johnen mir, noch einen Blick ins oder in eine der drei Kirchen zu werfen. Tatsächlich öffne ich auf dem Rückweg zur Trasse die schwere Tür der katholischen Kirche Bonaventura. Und während ich auf einer Kirchenbank sitzend zu einer der ältesten Orgeln der Stadt emporschaue, denke ich, ob das Outlet kommt oder nicht, zu Ende erzählt ist das kleine Lennep längst noch nicht.

Die Rundschau-Radrunde