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36. Tag im Springmann-Prozess
Psychiater: "Hohe Aggressitivät und Tötungsabsicht"

36. Tag im Springmann-Prozess: Psychiater: "Hohe Aggressitivät und Tötungsabsicht"
Der Sachverständige Prof Dr. Pedro Faustmann. FOTO: Schümmelfeder
Wuppertal. Der 36. Verhandlungstag im Springmann-Prozess: Es war kein guter Tag für die Anklage. Geht doch die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Enkel von Christa und Enno Springmann gemeinsam mit seinem ebenfalls wegen Mordes angeklagten Geschäftspartner in das Haus der Großeltern eingedrungen sein und sie ermordet haben soll. Von Mikko Schümmelfeder und Sabine Maguire

"Sollte das Gericht zur Ansicht gelangen, Benjamin Springmann habe dem oder den Tätern lediglich geholfen, ohne zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, so wäre das eine nicht angeklagte Tat", hatte dessen Verteidiger Klaus Bernsmann erst kürzlich im Interview gesagt.

Nun also war der psychiatrische Sachverständige in den Zeugenstand geladen und was er dem Gericht zu sagen hatte, dürfte Staatsanwalt Hauke Pahre nicht gefallen haben. Er attestierte Benjamin S. eine Persönlichkeitsstruktur, die zu den angeklagten Taten nicht wirklich passe. "Für aggressives Verhalten gibt es aus der Biografie heraus keine Anknüpfungspunkte", so Pedro Faustmann, der zuvor mehrere Stunden mit dem Angeklagten gesprochen hatte.

Dass der aus dem Affekt heraus die Großeltern erdrosselt haben könnte, hält er für wenig wahrscheinlich. "Es gibt auch keine Anhaltspunkte dafür, eine solche Tat in Auftrag gegeben zu haben", sieht der Sachverständige wenig Hinweise darauf, dass Benjamin S. dazu neigen würde, andere Menschen in seinem Sinne zu instrumentalisieren.

Im Klartext heißt das: Ein unabhängiger Gutachter sieht bei dem Enkel von Enno und Christa Springmann kein Potenzial für eine spontane Affekttat. Dazu hätte auch gehört, den Affekt vom Großvater, durch den er möglicherweise die Enterbung gefürchtet hat, dann auch noch auf die Großmutter auszuweiten.

Nach einem möglichen Täterprofil befragt, sagte Pedro Faustmann: "Derjenige muss mit hoher Aggressivität und Tötungsabsicht vorgegangen sein." Ob Benjamin S. am Tatort gewesen sein könne, ohne selbst Hand anzulegen? Diese Frage des Gerichts beantwortete der Gutachter so: "Das hängt davon ab, wie nahe man am Geschehen dran ist."

Und nur dem Täter die Türe aufschließen, um dann – die Bilder des im Haus der Großeltern gerade Geschehenden vor Augen – mit den Auto über die Autobahn in Richtung Haan-Ost zu brettern? Danach hat niemand gefragt. Vermutlich auch deshalb, weil es die oben erwähnte, nicht angeklagte Tat gewesen wäre.

Nun also gibt es ein Gutachten und viele Fragen. Richter Robert Bertling zitierte aus alten Schulakten des Benjamin S. dessen Verfehlungen bei Klassenfahrten. Der soll einem Touristen die Geldbörse geklaut und die Tat solange geleugnet haben, bis man sie ihm unzweifelhaft habe nachweisen können. Klassenkameraden beim Sex filmen, sie zum Alkoholkonsum verführen und unerlaubterweise mit einem gecharterten Boot auf dem Gardasee herumschippern: Sind das nun lapidare Jugendsünden oder die Anfänge einer kriminellen Karriere?

Auch die Geltungssucht ihres Schülers war allen Lehrern demnach unisono aufgefallen. Er habe mit Geld geprahlt und damit sein Ego aufpoliert. Aber genügt das, um Jahre später die Großeltern umzubringen, weil man eine Enterbung fürchtet?

Der vermeintliche Übergriff auf den Vater, als der im Streit mit der Mutter gelegen haben soll, wurde ebenfalls zum Thema. Auch darin sah der Sachverständige keine Tat, von der aus man hätte auf das Potential  zu Aggressivität und zu Mord hätte schließen können.  

Auf der Suche nach Antworten ließ das Gericht fiktive Szenarien gedanklich durchspielen. Was hätte geschehen können, wenn Enno Springmann damit gedroht hätte, den Geldhahn zuzudrehen? Wäre das aus Sicht des enterbten Enkels eine existenzielle Krise gewesen? Hätte die dazu führen können, dass dessen Kartenhaus aus Geltungssucht und Lebenslügen zusammengebrochen wäre? Und hätte Benjamin S. infolgedessen aus einer Kurzschlussreaktion heraus die Großeltern erdrosseln können?

Hätte, könnte, wollte: Es war viel Fiktion und wenig Realität, die da besprochen wurde. Wobei sich die Überlegungen erstaunlicherweise fast nur auf mögliche Handlungen im Affekt konzentrierten. Wohl ein legitimes Mittel der Anklage, um abzuklopfen, wie weit der psychiatrische Sachverständige in die Seele eines Menschen vorgedrungen ist.

Ob das mit Testverfahren und gutachterlichen Explorationen wirklich zu leisten ist? Fraglich. Ob ein solches Verfahren durch schauspielerische Höchstleistungen des Angeklagten "ausgehebelt" werden könnte?  Auch das bleibt im Dunkel der Spekulationen.

Die nächsten Verhandlungstermine sind für den 8., 9. 10 und 12. Oktober angesetzt.

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