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27. Tag im Springmann-Prozess
Tränen des Angeklagten und der unbekannte Auftragskiller

27. Tag im Springmann-Prozess: Tränen des Angeklagten und der unbekannte Auftragskiller
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Der Saal war voll. Alle warteten gespannt auf die Einlassungen von Benjamin S. zur Person. Hätte man einem Theaterstück beigewohnt, so wäre das an diesem Verhandlungstag eigentlich der Hauptakt gewesen. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Kindheit mit Oma und Opa. Tränen. Jugend mit Oma und Opa. Tränen. Das Verhältnis sei innig gewesen, er habe der Oma geholfen und für den Opa die Immobilien verwaltet. Rang der wegen Mordes angeklagte Enkel von Christa und Enno Springmann anfangs noch um Fassung, so lief es besser, als es um die letzten gemeinsamen Jahre mit den Großeltern ging.

Sitzt er unschuldig auf der Anklagebank? Oder ist er der Mörder und die Tränen sind Teil einer Inszenierung? Man wusste es vorher nicht – und man weiß es auch jetzt nicht. Bis zum Mittag hätte man also noch glauben können, dass auch dieser 27. Verhandlungstag sich in die Reihe derer einreiht, an denen der Prozess so vor sich hinplätschert.

Und dann – gänzlich unvermutet – krachte es plötzlich ordentlich im Verhandlungssaal. Im Zeugenstand: die ehemalige Leiterin der Mordkommission, die ursprünglich gar nicht auf der Zeugenliste des Gerichts stand. Sie war nur auf Antrag der Verteidigung des mitangeklagten Geschäftspartners von Benjamin S. geladen worden. Man habe da ein paar Fragen ...

Wen sie denn zu Beginn der Ermittlung als Mörder im Blick gehabt habe und wer zwischenzeitlich von der Liste möglicher Täter gestrichen worden sei: Das hätten die Verteidiger des mitangeklagten Geschäftspartners gerne gewusst. Die Antwort? Folgte keineswegs auf dem Fuße. Stattdessen muss die mittlerweile in die Pressestelle gewechselte Beamtin nun nochmals in die Akte schauen, um möglicherweise bei einer erneuten Zeugenvernehmung etwas dazu sagen zu können.

Weiter ging es mit Telefonüberwachung und Handyortung. Und mit dem fingierten Brief, den die Polizei bei den Eltern von Benjamin S. in den Briefkasten geworfen hatte, um die zum Plaudern zu bewegen. Auf einen Zeitungsbericht vom Mord an den Springmanns hatte man geschrieben: Benjamin – warum nur? Aus Sicht der Verteidigung eine unzulässige Täuschung. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, die einer solchen Ermittlungsmethode zugestimmt hatte, alles im grünen Bereich.

Die Zweifel der Verteidiger? Keineswegs ausgeräumt. Ob denn die Empfänger nicht hätten ahnen können, dass der Brief von der Polizei lanciert worden sein könnte? Das sei aus Ermittlungssicht egal gewesen, ließ die damalige Leiterin der Mordkommission wissen. Ob dass die Eltern von Benjamin S. auch so gesehen hätten? Fraglich.

Der eine lässt den anderen nicht ausreden, unaufschiebbare Anträge dürfen nicht sofort gestellt werden und die eigenen Kompetenzen werden in Zweifel gezogen: Zwischen den Richtern und der Verteidigung herrschte das, was man gemeinhin "dicke Luft" nennt. Eine Kaffeepause war nötig, in der sich die aufgebrachten Gemüter eigentlich hätten beruhigen können.

Wäre da nicht plötzlich etwas aufs Tapet gekommen, was bislang offenbar noch niemand so recht auf dem Zettel stehen hatte: eine unbekannte DNA am Tatort. Am Schal, mit dem Christa Springmann erdrosselt worden sein soll. Am Kissen, das neben der Leiche von Enno Springmann gefunden wurde. Also überall dort, wo man sie von einem Mörder vermuten würde.

Eine Steilvorlage für die Verteidigung, die verständlicherweise wissen wollte, warum man einer derart zentralen Spur nicht weiter nachgegangen sei. Der Vorwurf in Richtung Polizei und Staatsanwaltschaft: Bereits vier Tage nach der Tat habe man sich auf Benjamin S. als Täter festgelegt. Eindeutige Beweise? Fehlanzeige! Man habe sich nur von einem möglichen Motiv leiten lassen und das sei Habgier und die Furcht vor Enterbung gewesen. Enno Springmann sollte sterben. Der Mord an Christa Springmann sollte die Tat vertuschen. Was aber, wenn es eigentlich um sie gegangen sei?

Christa Springmann soll der Ex-Frau ihres Sohnes – die nach der Scheidung im Haus der Springmanns als Haushaltshilfe gearbeitet hat – kurz vor ihrem gewaltsamen Tod eine hohe Geldsumme zugesagt und dazu noch versprochen haben, ein Testament wieder ändern lassen zu wollen. Das soll kurz vor der Tat im Haus herumgelegen haben, Alleinerbe soll der Sohn der Springmanns gewesen sein. Vor ihm soll Enno Springmann schon seit längerem Angst gehabt haben: Davon hatten zuvor schon dessen langjährige Geliebte im Zeugenstand erzählt.

Dass man die DNA des Sohnes am Tatort nirgendwo gefunden hat? Das war der Moment, an dem die Verteidigung ein bislang unbeleuchtetes Szenario auf den Punkt brachte: Auftragskiller, engagiert vom Sohn der Springmanns. Dass der den mitangeklagten Geschäftspartner von Benjamin S., dessen DNA sehr wohl am Tatort gefunden wurde, gar nicht kennt? Aus Sicht der Verteidigung kein Widerspruch. Es könnte einen Dritten im kriminellen Bunde geben – und der könnte den einen und den anderen kennen. Von ihm könnte auch die bislang unbekannte DNA am Schal von Christa Springmann und am Kissen neben der Leiche von Enno Springmann stammen.

Im ersten Ermittlungsbericht habe noch gestanden, dass bei der Erdrosselung von Christa Springmann alles für ein professionelles Vorgehen spreche. Also dafür, dass der Täter sehr wohl gewusst habe, wie man so etwas macht. Davon sei in der späteren "Haftanregung", mittels derer die Untersuchungshaft von Benjamin S. empfohlen wurde, keine Rede mehr gewesen. Möglicherweise, um Täter, Motiv und Ermittlungsergebnisse passend zu machen?

Man habe sich zu früh auf Benjamin S. als Täter festgelegt, es sei einseitig ermittelt worden und nirgendwo in den Ermittlungsakten sei von einem dringendem Tatverdacht gegen Benjamin S. die Rede gewesen: Es war ein Lehrstück in Sachen Strafverteidigung, was die Verteidiger der beiden Angeklagten diesmal abgeliefert haben. Und ein weiterer Verhandlungstag, an dem der Sohn der Springmanns von der Verteidigung in die Reihe der Tatverdächtigen gestellt wurde.

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