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Vohwinkel
Leben im Rhythmus der Schwebebahn

Vohwinkel: Leben im Rhythmus der Schwebebahn
Rolf Szymanski wohnt über der Kneipe Hammerstein. FOTO: Florian
Wuppertal. Nur eine gefühlte Armlänge entfernt rauscht die Schwebebahn an Vohwinkeler Fenstern vorbei. Wie lebt es sich, wenn das Rattern der Bahn dem Alltag den Takt vorgibt? Von Hannah Florian

Die Alte knattert, die Neue summt. Bei unbeständigem Wetter quietscht sie in den Kurven. Zumindest in der Kurve Hammerstein. Und wenn sie mal nicht fährt? Dann ist es still, zu still. Das sagen die Vohwinkeler, die direkt an der Schwebebahn wohnen. Die Schwebebahn gibt ihrem Alltag den Takt vor. Morgens gegen viertel nach fünf kommt die erste Bahn, um kurz vor halb zwölf am Abend die Letzte.

Alle drei Minuten rattert sie zu Stoßzeiten vorbei. An Schlafzimmerfenstern, an Wohnzimmern, an laufenden Fernsehern und zugezogenen Gardinen. Der Fahrgast zappt mit unsichtbarer Fernbedienung durch das Leben der Bewohner wie durch das vorabendliche Fernsehprogramm.

Die Fuchs-Redaktion hat den Pause-Knopf gedrückt, die Fernbedienung aus der Hand gelegt und angeklopft, bei Mathias Conrads, der schon als Elfjähriger auf dem Schwebebahngerüst rumkletterte, bei Rolf Szymanski, der trotz Dienstausweis nicht gerne mit der Schwebebahn fährt, und bei Irmgard Jeschke, deren große Liebe ihre Blumen sind.

Direkt an der Haltestelle Bruch springt ein Haus direkt ins Auge: bergisches Fachwerk, grüne Fensterläden und rote Geranien vor den sechs kleinen Fenstern im ersten Stock. "Die roten Blumen, die rühren noch von unserer Mutter her", sagt Mathias Conrads, der hinter den sechs kleinen Fenstern wohnt. Tradition ist ihm wichtig, die Geschichte auch. Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender des Fördervereins Historische Schwebebahn. In seinem Besitz befinden sich mehrere Schwebebahn-Relikte, gelagert in der Lackfabrik, die er gemeinsam mit seinem Bruder betreibt. Sein allergrößter Schatz allerdings, der steht vor seinem Haus: die Schwebebahn-Stütze Nr. 28.

Mathias Conrads wohnt schon sein Leben lang im Fachwerkhaus neben der Haltestelle Bruch. FOTO: Florian

Mathias Conrads‘ Lebensgeschichte ist eng mit der Schwebebahn verwoben. Bereits mit elf Jahren kletterte er nachts mit seinem Vater auf ihrem Gerüst herum. Gemeinsam kontrollierten sie den neuen Lackanstrich. Immer dann, wenn die Schwebebahn schlief. Noch heute liefert Conrads‘ Firma die Farbe, wenn am Gerüst etwas auszubessern ist.

Mittlerweile steht seine Lackfabrik an der Viehhofstraße. Früher aber, da war sie direkt am Bruch, wo heute noch Mathias Conrads‘ Wohnhaus steht. Dort ist er aufgewachsen, hinter roten Geranien, und fast nie weg gewesen. Wenn er mit seiner Frau in den Urlaub fährt, dann irgendwo hin, wo es wirklich ruhig ist.

Ansonsten stört ihn die Schwebebahn nicht. Er hört sie gerne. "Die da hat einen Schlag", sagt Conrads, als gerade eine Bahn der alten Generation am Haus vorbeifährt. Klack, klack, klack macht es dann, anstatt zu rattern. "Früher haben hier die Gläser im Schrank geklirrt", erinnert sich seine Frau Birgit Heinen-Conrads. Heute ist das nicht mehr so. Mathias Conrads weiß, warum: "Bei der Erneuerung des alten Gerüsts wurden die Schienen durch Gummiprofile vom Gerüst getrennt. Früher lagen die Schienen direkt auf Stahlplatten." Und Stahl auf Stahl schepperte – genau wie Mathias Conrads‘ Haus.

100 Meter von der Haltestelle Hammerstein entfernt wohnt der nächste Schwebebahn-Spezialist. "Hören Sie mal", sagt Rolf Szymanski und streckt den Kopf aus seinem Wohnzimmerfenster. Zwei Meter unter ihm rattert eine alte Schwebebahn vorbei. "Wissen Sie, warum die alten Bahnen klackern und die neuen surren?", fragt er. "Ganz einfach. Wenn die Bahn an der Haltestelle bremst, bekommen die Rollen Ecken", erklärt der 67-jährige Wuppertaler, der zusammen mit seiner Frau Heike und Hund Tammy direkt über der Kneipe Hammerstein wohnt. 1959 hat sein Vater das Haus erbaut, in dem Rolf Szymanski noch heute lebt.

Genau vor seiner Haustür passierte es auch: Ein Kran schlitzte der Länge nach den Wagen einer vorbeifahrenden Schwebebahn auf. Zehn Jahre ist das jetzt her. 32 Menschen saßen in der Bahn, die gerade aus Vohwinkel kam. Kurz vor der Haltestelle Hammerstein riss der Kran ihr den Fußboden auf. "Ich wollte gerade die Türe aufschließen, da hörte ich ein ohrenbetäubende Quietschen", erinnert sich Szymanski.

Er drehte sich um, und sah den zerrissenen Rumpf der Bahn am Gerüst baumeln, die Fußsohlen der Fahrgäste fast sichtbar. Warum das Unglück passierte, weiß bis heute niemand. "Der Kranführer lud gerade Rigipsplatten aus. Er hat sicher einfach nicht an die Schwebebahn gedacht", mutmaßt Szymanski.

Früher lebte Irmgard Jeschke in der Historischen Stadthalle. Heute wohnt sie im Schieferhäuschen auf der Sonnborner Straße. FOTO: Florian

Irmgard Jeschke kann von spektakulären Unfällen wenig berichten. Seit sie auf der Sonnborner Straße wohnt, ist dort nichts Weltbewegendes passiert. Als vor 50 Jahren der schleudernde Anhänger eines LKW einen Stützpfeiler der Schwebebahn aus der Verankerung riss und das Gerüst der Bahn auf die Straße stürzte, hat Irmgard Jeschke noch woanders gewohnt. Damals lebte sie in Elberfeld, und zwar direkt in der Historischen Stadthalle. Über 20 Jahre lang bewohnte sie mit ihrer Familie Räume gleich über den Sälen der imposanten Halle.

Ihr Hauseingang war das Hauptportal. "Mein Mann arbeitete als Verwalter der Halle", erzählt die 85-Jährige. Als er in Rente ging, zog die Familie an die Sonnborner Straße. Vom "Lärm" her hat sich für Irmgard Jeschke nichts verändert. Früher hörte sie die Geigen des Orchesters, heute das Rumpeln der Schwebebahn.

Die Größe ihrer Wohnfläche hat sich deutlich verkleinert. Die Fassade ihrer Behausung hingegen steht der Historischen Stadthalle in nichts nach: grauer Schiefer, grüne Fensterläden und bunt bepflanzte Blumenkästen vor jedem Fenster ihres Häuschens. "Ich liebe Blumen", sagt sie – und das sieht man. Geblümte Bluse, geblümte Tischdecke und in der Mitte des Küchentischs ein großer Blumenstrauß.

Der kleine Hof neben ihrem Häuschen ist ein Dschungel aus Hortensien, und wenn sie dort sitzt, denn winken die Kleinen aus der Schwebebahn und sie winkt zurück. Ihr Häuschen und die Schwebebahn, das gehört einfach zusammen, ist sich Irmgard Jeschke sicher. "Die Japaner", die immer mit ihren Kameras vor dem Haus stehen, sind wohl der gleichen Meinung.

Und auch die Verwandtschaft aus Schottland ist nach wie vor beeindruckt. "Sowas wie die Schwebebahn, das hat eben nur Wuppertal."

Die Geschichte stammt aus der neuen Ausgabe des "Fuchs", dem Stadtteilmagazin der Rundschau und der "Aktion V" für Vohwinkel.

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