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Stadtgeschichte
Der Wuppertaler Zoo und der Krieg

Stadtgeschichte: Der Wuppertaler Zoo und der Krieg
Dr. Ulrich Schürer an alter Wirkungsstätte. FOTO: Barbara Scheer
Wuppertal. Wenn ein Regime in das letzte Stück Privatleben der Menschen kriecht, dann bleibt in einer Stadt geografisch wenig unberührt. Und so zeichnen auch den Zoo an der Hubertusallee, das vielleicht heilste Plätzchen Wuppertals, noch heute feine Narben, die aus der Nazi-Diktatur stammen. Dr. Ulrich Schürer, Zoodirektor von 1988 bis zum Ruhestand 2012, nimmt uns auf einen historischen Spaziergang mit. Von Nina Bossy

Der Einstieg in dieses schwere Thema Geschichte ist unmittelbar. "Hier hat für Wuppertal die Entnazifizierung stattgefunden", sagt Ulrich Schürer schmucklos und weist auf das Restaurationsgebäude links hinter dem Haupteingang. Kleines Licht oder Funktionär? Die Wuppertaler Parteimitglieder standen hier nach und nach vor dem Tribunal der englischen Besetzer.

Doch von vorn. Denn die Geschichte von den Nazis und dem Wuppertaler Zoo beginnt ein Stückchen den Weg weiter hinunter, Richtung Konzertmuschel, rechts im Tal. Und zwar mit einem Streich, wie er bei "Max und Moritz" stehen könnte. Josef Keusch, Zoodirektor von 1900 bis 1934, ist der Schelm, der die humorlosen Nationalsozialisten auf den Leim genommen hat.

"Sie wollten ein Konzert geben, ein Fest veranstalten", erzählt Schürer. Am großen Teich, dort wo heute die Gibbons an Seilen über das Wasser schwingen, wollte die Partei gastieren. Und dann, kurz bevor sie in ihren Uniformen festlich aufmarschierten, ließ der Zoodirektor das Wasser aus der Grube. Aber, Nazis verstehen keinen Spaß auf ihre Kosten. Und so wurde der See wieder befüllt, und Josef Keusch musste mit über 70 Jahren nach 34 Jahren im Dienst seinen Zoo für immer verlassen.

Und wie in jeder öffentlichen Behörde machten dann auch im Zoo diejenigen Karriere, die nicht mit Fachwissen, sondern mit Parteibuch auftrumpfen konnten. Wilhelm Seiffge, einfacher Postbeamter, war ab 1934 der Herrscher über die Zoohügel und deren tierische Bewohner.

Und die Nazis spielten ungestört an Sonntagnachmittagen ihre Konzerte. Es vergingen einige Jahre, die die Welt verändern und ganze Bevölkerungsteile auslöschen sollten, die aber das Leben an der Hubertusallee zunächst fast unberührt ließen. Dann kam der Krieg.

 Ulrich Schürer schlägt in der Zoodirektion ein großes Buch auf, es müsste im A2-Format sein, die Seiten sind leicht vergilbt und mit sauberer Schrift beschrieben. "1940 trafen sie Luftschutzmaßnahmen", sagt der pensionierte Zoodirektor und fährt mit den Fingern über die Seiten, auf denen jedes Tier vermerkt ist, das an der Hubertusallee gehalten wurde. "Luftschutzmaßnahmen" bedeutet, dass man den Angriff auf Wuppertal fürchtete, konkret den Befehl, sämtliche Raubtiere abzuschießen.

Sie erschossen die Eisbären, die Braunbären und die Löwen. Auch ein Elefant starb an einer Kugel, ohne behördlichen Auftrag. All das geschah nahezu unbemerkt, einfach so. Wer sollte sich auch für das Leben der Tiere einsetzen, wenn man jeden Tag um das eigene fürchten musste?

Aber, und auch das ist für diese dunkelste Epoche deutscher Geschichte typisch, man hat versucht, die hässliche Realität zu überschminken. Und das funktioniert in einem Zoo am besten mit Tieren. So wurde an der Hubertusallee keine politischen Rede wie im Berliner Sportpalast geschwungen, sondern hier symbolisierten Tiere die Hoffnung, der Krieg sei zu gewinnen. 1942 wurde der Tierbestand wieder aufgebaut, wurden Raubtiere und Eisbären zugekauft.

Mitte 1943, da hatte die Realität um das Deutsche Reich den Stadtteil Barmen schon dem Erdboden gleichgemacht, sollten die Raubtiere vor einer möglichen Bombardierung gerettet und nach Ostdeutschland gebracht werden.

Als auch die Elefantendame in ihre Transportkiste geschoben wurde, passierte im Vergleich zu den großen Dramen in der Welt ein kleines an der Hubertusallee, das aber das schlimmste in der gesamten Geschichte des Zoos sein sollte. "Die Elefantenkuh geriet in Panik, zerstörte ihre Transportkiste und erdrückte einen Pfleger", erzählt Schürer. Es sollte der einzige tödliche Unfall in der jahrhundertlangen Zoogeschichte bleiben.

Die Bomben fielen auf Deutschland, Elberfeld und Barmen, die einstigen Tierpfleger wurden eingezogen, um als Soldaten an der Front zu sterben. An der verlassenen Hubertusallee, der Großteil der Affen war an Tuberkulose gestorben, weitere Tiere wurden abgeschlachtet, barsten nur wenige Scheiben.

Dann verlor Deutschland den Krieg und auch die Wuppertaler schauten durch Häuser, die nur aus Wänden bestanden, und in leere Töpfe. So zogen sie in den Zoo, nicht um sich zu erholen, sondern um zu überleben. Zebras verschwanden, ganze Herden von Huftieren, und so manche Familie hatte endlich etwas im chronisch leeren Magen.

Ab 1947 wurde die Situation in der Stadt und im Zoo besser, die Wuppertaler packten an und fegten die Trümmer zusammen. Dann kehrten auch die Tiere in den Zoo zurück. "Für all den Schrecken dieser Epoche", sagt Ulrich Schürer und schlägt das große Buch zu, "ist der Zoo doch ganz gut davongekommen."

Elf Jahre nachdem der Krieg beendet war, die Wunden waren verheilt, verliebte sich übrigens ein junger Mann in die steilen Hügel an der Hubertusallee. Der damals 17-Jährige absolvierte im Vogelhaus ein Praktikum und war fasziniert von Fauna und Flora, die ihren Ursprung auf der ganzen Welt haben.

"Ich gehe später noch zu den Elefanten. Das tue ich immer", sagt der Praktikant, der heute 70 Jahre alt ist, nach dem Gespräch. Ulrich Schürers Händedruck ist fest, dann schließt er die Tür.

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